Unbekannte Archivbestände im Ministère de la Santé Publique gefunden

Bericht über einen Archiv-Aufenthalt in Brüssel (29./30. Mai 2000)
von
Joachim Schröder, Düsseldorf
© Joachim Schröder

Bei einem Forschungsaufenthalt im Archiv des Service des Victimes de la Guerre im Ministère de la Santé Publique in Brüssel konnten sehr wichtige, den Zwangsarbeitereinsatz in Düsseldorf betreffende Dokumente aufgefunden werden. Diese Dokumente werden zweifellos dazu beitragen, noch unbekannte Aspekte des Systems der Zwangsarbeiterlager und -unterkünfte aufzudecken, vor allem hinsichtlich Standort, Größe und personeller Zusammensetzung der einzelnen Lager. Darüber hinaus konnten Bestände ermittelt werden, die u.a. in der Frage der Lager und Unterkünfte für Zwangsarbeiter auch über die Grenzen des Stadt- und Regierungsbezirkes Düsseldorf hinaus von höchster Bedeutung sind.

Ausgangspunkt für den überraschenden Aktenfund war ein Briefwechsel zwischen einem belgischen Verbindungsoffizier, L.eutnant De Maen, und der Düsseldorfer Stadtverwaltung aus dem Jahre 1948, der im Stadtarchiv erhalten ist. Darin forderte De Maen - offensichtlich im Auftrag seiner Regierung - die Verwaltung auf, ihm eine Liste mit ehemaligen Gefängnissen und Lagern zu übersenden. Diese Liste war bis jetzt verschollen. Über Umwege konnte das Archiv des Service des Victimes de la Guerre in Brüssel ausfindig gemacht werden, das sämtliche Akten und Dokumente aufbewahrt, die nach dem Krieg von den belgischen Verbindungsoffizieren zusammengetragen worden sind.

Die Bestände

Zunächst muss erwähnt werden, dass - nach Auskunft der Leiterin des Archivs - dieses bisher kaum von deutschen Forschern genutzt worden ist. Schon nach einer ersten Durchsicht des Findbuches stand fest, dass sich in diesem Archiv in großem Umfang noch unbekanntes Material über die NS-Zeit befindet. Aus Zeitmangel konnten nur wenige Bestände eingesehen werden. Als wichtigstes Ergebnis für die Arbeit im Rahmen der Dokumentation über die "Zwangsarbeiter in Düsseldorf" lässt sich aber festhalten, dass die gesuchte Liste tatsächlich aufgefunden werden konnte. Sie ist in dem Bestand "Enquêtes sur les Prisons et le Camps Douteux" ("Suche nach zweifelhaften Gefängnissen und Lagern ") überliefert. Dieser umfasst allein für den Regierungsbezirk Düsseldorf gut sechs (!) Aktenorder.

Der Ordner mit Lagern des Stadtkreises Düsseldorf enthält zumeist detaillierte Informationen über mehr als 150 Lager. Mit diesem Material können noch existierende Lücken geschlossen werden. In den übrigen fünf Ordnern sind ebensolche detaillierte Listen über alle Stadt- und Landkreise des Regierungsbezirkes enthalten. Dank einer weiteren von De Maen angefertigten Liste ist nun auch bekannt, dass insgesamt 5.633 belgische Staatsangehörige zwischen 1939 und 1945 in Düsseldorf gearbeitet haben, beziehungsweise - in den meisten Fällen - zur Zwangsarbeit herangezogen worden sind. Die Ermittlung der in Deutschland zur Zwangsarbeit herangezogenen belgischen Staatsangehörigen war einer der Anstoßpunkte zur Erstellung der Listen über die "zweifelhaften Lager". Der belgische Staat gewährte den ehemaligen belgischen Zwangsarbeitern und anderen Opfern der deutschen Besatzung eine Entschädigung. Um die Ansprüche zu überprüfen, war die zuständige Behörde (Service des Victimes de la Guerre) auf Beweismaterial angewiesen.

Außer dem Genannten lagern noch weitere erstaunliche Bestände in diesem Archiv, von denen hier einige kurz aufgezählt werden sollen, ohne dass (in Anbetracht der Kürze des Aufenthaltes) eine Garantie auf Vollständigkeit gegeben werden kann:

Es ist vorgesehen, die für die aktuelle Frage der Zwangsarbeiterentschädigung relevanten Aktenbestände, also vor allem den Bestand der "Camps Douteux", auf Mikrofilm zu kopieren. Auf diese Weise können die Originalakten in Brüssel, die in einem verhältnismäßig schlechtem Zustand sind, geschont werden. Zudem können auf diese Weise alle interessierten Städte und Kommunen von dem Material profitieren. Über die Finanzierung und die Durchführung dieses Projektes wird zur Zeit noch verhandelt.

Joachim Schröder
schroejo@rz.uni-duesseldorf.de
Freier Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Dokument erstellt am 7.11.2000