| Forum "Barbarossa": Beitrag 5 - 2004 |
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Partisanenkrieg ohne Partisanen: Ein Konstrukt* von Hans-Heinrich Nolte Bekanntlich hat der
britische Geheimdienst den Funkverkehr, den deutsche Polizeieinheiten
in den ersten Monaten des Feldzugs gegen die UdSSR (und teilweise auch
später) mit Berlin führten, mitgehört und entschlüsselt.(1)
Fast unter jedem Datum meldeten diese deutschen Einheiten an das Reichs-Sicherheits-Hauptamt,
dass sie gegen „Partisanen“ zu kämpfen hatten, zum Beispiel
der Höhere SS und Polizeiführer Russland Süd am 24. August
1941 aus der westlichen Ukraine (2): Unter „Erstens“ wird
über die Standorte, unter „Zwotens“ über Tätigkeiten
berichtet, dass der Gegner auf dem Rückzug ist und Brücken bei
Korosten in Stand gesetzt wurden: Am 30. August meldet
der Höhere SS und Polizeiführer Mitte, der im Leninhaus in Minsk
residiert (3): Und am 11.September
1941 meldet der Höhere SS und Polizeiführer Russland Mitte(4):
Interpretiert man
die Berichte aus den ersten Kriegsmonaten, fällt auf, dass oft zwischen
Soldaten und Partisanen unterschieden wird; auch Partisanen tragen aber
in 2.) Uniformen. In die Kämpfe greifen sowjetische Fallschirmjäger
ein. Wo wie in 3.) „Personen“ benannt sind, wird man sie als
Zivilisten zu verstehen haben, die wegen der Sprengladung an der Brücke
ermordet werden. Ähnlich scheint der Terminus „Russen“
benutzt zu werden. Die Bezeichnung „Partisanen“ – später
bekanntlich mit einer Sprachregelung durch „Banditen“ ersetzt,
das als Wort auch hier schon auftaucht – meint offenbar eine andere
Gruppe als solche „Russen“ oder „Personen“ : hinter
der Front operierenden Einheiten, gleich ob sie aus Komsomolzen oder Soldaten
bestanden. Es gibt eigene Verluste, aber wenige. Indem die Polizei-Berichte von Partisanen sprechen, entsprechen sie der Wortwahl des Aufrufs des Rats der Volkskommissare vom 29. Juni und vor allem der bekannten Rundfunkrede Stalins vom 3. Juli (5) zum Partisanenkrieg. Schon am 1. Juli hatte das ZK der KP(b)Belorusslands z.B. angeordnet, dass in alle Orten Belorusslands, die vom Gegner besetzt waren, ein enges Netz von Partisaneneinheiten aufgebaut werden solle, und (6) 2.) Alle Orte
Belorusslands, die vom Feind eingenommen worden sind, sollen sofort mit
einem dichten Netz von Partisaneneinheiten überzogen werden, die
einen unablässigen harten Kampf zur Vernichtung des Feindes führen
sollen. Stalins Aufruf zum Partisanenkampf, der als Rundfunkrede auch auf der deutschen Seite sofort bekannt wurde, wurde von Hitler begrüßt, da er das Vorhaben erleichterte, gegen die Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete mit rücksichtslosem Terror vorzugehen. Damit wollte die deutsche Seite auch die Unterversorgung mit Besatzungstruppen ausgleichen, welche dem deutschen Vormarschplan entsprang. Durch die Notlandung eines sowjetischen Kurierflugzeuges kamen im September auch schriftliche Anweisungen der sowjetischen Seite in deutsche Hand.(7) Aus der Erinnerungsliteratur
der Partisanen ergibt sich zumindest in einem Fall, Trotz der zumindest auf der Oberfläche eindeutigen Quellenlage sowohl von sowjetischer wie von deutscher Seite, dass es nämlich von Anfang an bewaffneten Widerstand gegen die deutsche Besatzung durch Gruppen gegeben hat, die sich selbst als Partisanen bezeichneten und auch von der deutschen Seite so bezeichnet wurden, gab und gibt es die These vom „Partisanenkampf ohne Partisanen“.(10) Die These erzeugte die Vorstellung, dass deutsche Einheiten fast ohne Gründe und auch fast wahllos russische Zivilisten ermordet hätten, so wie sie gegen Juden und Kommunisten unzweifelhaft vorgegangen sind. Die These wurde in der „Wehrmachtsaustellung“ popularisiert. Es ging im Rahmen der „Wehrmachtsausstellung“ insgesamt darum, das Tabu von der „sauberen Wehrmacht“ zu brechen und aufzuzeigen, dass die Wehrmacht vielfältig und von der Planung des deutschen Überfalls auf die UdSSR an in die Verbrechen eingebunden war, die mit dem Ostfeldzug verbunden waren. Die Ausstellung hat eine Veränderung des historischen Bewusstseins in Deutschland in der Breite abgeschlossen, die mit Andreas Hillgruber, Manfred Messerschmidt, Christian Streit, Gerd Ueberschär und Wolfram Wette in den siebziger Jahren in fachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen eingesetzt hatte. Die Verdienste der Ausstellung sind m. E. nicht zu bestreiten.(11) Bedauerlicherweise ist die wissenschaftliche Kritik an einzelnen Fehlern der Ausstellung jedoch zu einer Freund-Feind-Debatte gemacht worden, was sachliche Korrekturen erschwert hat. Dass Fehler vorkommen, nicht nur, aber eben auch bei dem Versuch, einen wissenschaftlich erarbeiteten Tatbestand in verbreitetes Wissen und Texte in Bilder und griffige Formeln umzusetzen, versteht sich von selbst. Hier geht es darum, eine solche Formel als irreführend zu kritisieren, weil sie ein Problem verdeckt, statt auf Forschung über es hin zu führen.(12) Die sowjetische Historiographie hat in den sechziger und siebziger Jahren das Bild erzeugt, als habe es sofort nach der deutschen Besetzung einen allumfassenden Volkskrieg gegen die deutsche Besatzung gegeben. In Kritik dieses Bild hat die deutsche Forschung früh darauf verwiesen, dass die Partisanenbewegung im Jahr 1941 nicht als Bewegung angesehen werden kann, die wirklich die Massen erreicht hat und dass sie militärisch noch keine große Bedeutung besaß.(13) Es gab wirklich an vielen eroberten Orten einen freundlichen Empfang für die Wehrmacht, und es wurde nicht selten das traditionelle Brot und Salz angeboten. Es gab aber eben auch von Anfang an bewaffneten Widerstand hinter der Front. Wie soll man das zusammenbringen ? Im vor 1939 polnischen Teil von Belorußland dürften die sozialen und nationalen Auseinandersetzungen der letzten Jahre der Republik eine Rolle spielen. Aber im ehemals sowjetischen ? An anderer Stelle habe ich für einen kleinen Ort im östlichen Belorussland, Klichev bei Bobruisk, den lokalen Verlauf folgendermaßen nachzuzeichnen versucht: Juden aus dieser Kleinstadt flohen noch 1941 in die Wälder, zugleich gründeten Parteigänger der Deutschen den von deutscher Seite propagierten Ordnungsdienst.(14) Im Winter 1941/42 eroberten sowjetische Partisanen die Dörfer, im März 1942 auch die Kleinstadt. Die Wehrmacht kam ihren belorussischen Sympathisanten nicht zu Hilfe. Die Partisanen gründeten einen „befreiten Rayon“.(15) Von den Partisanen wurden die Belorussen, welche die deutsche Seite wählten, anfangs als Klassenfeinde bezeichnet . Zumindest für diesen kleinen Fall kann man den Ablauf begründet folgendermaßen erklären: im Moment der deutschen Besatzung kommt es zu einer politischen Frontstellung innerhalb der Bevölkerung: ein Teil hofft, den deutschen Überfall zu einer nationalen und sozialen Befreiung von der Herrschaft Moskaus und dem Kolchossystem nutzen zu können und stellt sich auf die deutsche Seite. Dies ist desto leichter möglich, als die kommunistischen Kader zum Teil beim sowjetischen Rückzug evakuiert wurden – entgegen dem oben zitierten Ukas des ZK von Belorussland vom 1. Juli - und zum Teil von der deutschen Polizei bzw. den Einsatzgruppen, z. T. auch von Wehrmachtseinheiten des “Rückwärtigen Heeresgebiets“ ermordet worden sind. Die Folge war, dass der soziale Raum in den Dörfern und kleinen Städten nicht mehr herrschaftlich von der Partei durchstrukturiert war. Die Nationalisten waren auch antisemitisch; ob sie an alten vor- sowjetischen Bewegungen anknüpften, durch die Zwangskollektivierung nach 1929 oder durch die Massaker der Jahre 1937/38 neu antisowjetisch motiviert waren,(16) ist noch nicht deutlich. Diese belorussischen Nationalisten wurden von der deutschen Besatzungsmacht im Stich gelassen, weil der deutsche Angriffsplan alles daran setzte, mit wenig Truppen eine zahlenmäßige Übermacht zu besiegen und die Besatzungstruppen entsprechend dünn waren, und weil die deutsche Führung sich nicht gegenüber Einheimischen binden wollte. Die Kommunistische Partei, welche nun die Partisanenbewegung organisierte, gewann noch am Jahreswechsel 1941/42 in einigen abgelegenen Regionen wieder die Oberhand. Von beiden Seiten wurde die Lage 1942 begrifflich neu festgelegt: die Partei spricht von jetzt an von Vaterlandsverrätern; die Besatzungsmacht von Banden. Eine neue – die zweite – Phase des Partisanenkriegs begann.(17) Meine These ist also, dass es 1941 in den besetzten Gebieten innerhalb der sowjetischen Gesellschaft zu einer Erneuerung der politischen Auseinandersetzung zwischen „rechts“ und „links“ kam. Die deutsche Historiographie hatte in einer vom Kalten Krieg bestimmten Phase kein Interesse daran, das deutlich zu machen, da deutsche Verbände antikommunistische Verbündete oder Mitläufer im Stich gelassen, also nicht nach der Logik des Antikommunismus, sondern nach eigenen nationalistischen Konzepten gehandelt haben. Die sowjetische Historiographie hatte kein Interesse daran deutlich zu machen, dass es 1941, 24 Jahre nach der Oktoberrevolution, einen massiven innenpolitischen Widerstand gab. Die belorussische Nationalbewegung hatte kein Interesse an dieser Geschichte, weil sie die Bundesgenossenschaft mit dem Nationalsozialismus und den damit zusammen gehenden Antisemitismus in den eigenen Reihen nicht herausheben wollte. Da niemand an diese Gruppen erinnert werden wollte, konnte die Rolle von endogenen antisemitischen, nationalistischen Gruppierungen leicht übersehen werden. Sie haben aber vermutlich die größten Verluste auf der deutschen Seite gehabt – die Partisanen dürften sie bei Einkesselungen lieber angegriffen haben, als Wehrmachtseinheiten, weil sie weniger trainiert und meist mit sowjetischen Waffen ausgerüstet waren, wie sie selbst. Zum Desinteresse an den nationalistischen Gruppen kam, dass die Herausbildung der Kriegsvariante des Sowjetpatriotismus dann ganz andere Themen in den Vordergrund rückte (18) und die Einheitlichkeit der sowjetischen Bevölkerung betont. Auf der deutschen Seite wiederholt die These vom Partisanenkrieg ohne Partisanen insofern die sowjetpatriotische Position, als sie für die sowjetische Seite einen national einheitlichen sozialen Raum postuliert. Dieser wird trotz der deutschen Besatzung als insgesamt den Deutschen gegenüber neutral oder sogar kooperationsbereit gesehen, und erst deutsche Verbrechen zur Gegenwehr zwingen. Im Grunde wird damit die Vorstellung wiederholt, die Bevölkerung der besetzten Gebiete habe sich bloß als Objekt von Herrschaft verhalten – sei es die eine, sei es die andere. Das Konzept „Partisanenkrieg ohne Partisanen“ ist also ein Konstrukt. Wie sind aber die Fronten und Kämpfe des Jahres 1941 zu erklären ? Die hier skizzierte These, dass die deutsche Besatzung und das Verschwinden der Partei aus dem Alltag die Bürgerkriegskonfiguration reaktivierte, deren Fronten durch „Entkulakisierung“ und Massenrepressionen vielleicht auch neu formiert worden waren, ist aus dem kleinen Beispiel Klichev begründet, aber selbstverständlich nicht nachgewiesen. Vielmehr soll die Zurückweisung des Konstrukts Raum für weitere Forschung öffnen – Forschung über Bedeutung, Umfang und Zielrichtung der belorussischen Nationalbewegung in den Kriegsjahren und insbesondere in der Anfangssituation Herbst und Winter 1941. Anmerkungen (1) Richard Breitman: Official
Secrets – What the Nazis planned. What the British and Americans
knew. New York 1998. * Vortragstext von
Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte für die vom Zentrum für Deutsche
Studien des Instituts für Allgemeine Geschichte der Russischen Akademie
der Wissenschaften Moskau, der Friedrich Ebert Stiftung Moskau und dem
Verein für Geschichte des Weltsystems e.V. (Homepage: http://www.vgws.org.
) am 24./25.9.2004 in Moskau veranstaltete internationale Historikertagung
"Die deutsche und die russische Auseinandersetzung mit der Diktatur".
Der Beitrag wird erscheinen in: Nolte,
Hans-Heinrich (Hg).: Die deutschen und die russischen Auseinandersetzungen
mit den Diktaturen, Göttingen 2005. |
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| © Hans-Heinrich Nolte |
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| URL: http://www.historisches-centrum.de/forum/nolte04-1.html |