Die
Ruhr - Wesen und Geschichte einer Seuche
Seuchen und
Epidemien haben das Leben der Menschen und den Verlauf der (Welt-)Geschichte
in der Vergangenheit in einem weit größeren Ausmaß
beherrscht und bestimmt, als das im allgemeinen historischen Verständnis
heute meist wahrgenommen wird. Tatsächlich sind epidemische
Krankheiten wie z.B. die Ruhr in früheren Zeiten eine regelmäßige
und fast "normale“ Begleiterscheinung menschlichen
Zusammenlebens gewesen. Auch die Ruhr-Epidemie, die 1795/1796
in Hagen grassierte, ist hier nicht der erste Seuchenausbruch
gewesen. So wurde der südwestfälische Raum und die Grafschaft
Mark während des Dreißigjährigen Kriegs in den
Jahren 1635 bis 1636 von einer besonders schweren Pest-Epidemie
heimgesucht, der nach zeitgenössischen Quellen allein im
damaligen Dorf Hagen angeblich mehr als 600 Menschen zum Opfer
fielen und in einem Massengrab an der Johanniskirche bestattet
wurden.1 Im gesamten lutherischen Kirchspiel
Hagen sollen damals über 2.400 Personen an der Pest gestorben
sein.Auch in der benachbarten Grafschaft Limburg fanden hunderte
Menschen den Tod.2
In
medizinischer Hinsicht ist die Ruhr (griech. Dysenterie) und speziell
die Bakterienruhr eine beim Menschen meist seuchenartig auftretende
Infektionskrankheit.3 [Abb.
Shigellen: Ruhr- oder Dysenteriebakterien] Sie wird durch Ruhrbakterien
(Shigella-Gruppe) verursacht. Deren Übertragung erfolgt durch
Berührung, verseuchtes Trinkwasser und andere Getränke
wie z. B. Milch, infizierte Nahrungsmittel sowie auch durch Fliegen.
Bereits nach wenigen Tagen setzen bei dem Erkrankten in Folge
einer Entzündung der Dickdarmschleimhaut Koliken, unstillbarer,
schmerzhafter Stuhlzwang und akute heftige Durchfälle mit
meist bluthaltigem Schleim ein. Je nach dem durch die unterschiedliche
Beimengung von Blut oder Schleim bedingten Aussehen der Stühle
unterschied man früher rote und weiße Ruhr. Darmdurchbrüche
können bei dem an der Ruhr Erkrankten zu Bauchfellentzündung
und schließlich zum Tod führen. Mit ziemlicher Sicherheit
hat es die Ruhr bereits in den antiken Hochkulturen im Niltal
und im Zweistromland gegeben. In Athen grassierte sie neben Fleckfieber
und Pocken während des Peloponnesischen Kriegs (431-404 v.
Chr.) im Zusammenhang mit einem plötzlichen Zustrom von Flüchtlingen.
Verursacht wurde sie durch eine unzulängliche Abfallbeseitigung
in der Stadt sowie die dadurch ausgelöste Fliegenplage und
Grundwasserverseuchung. Tatsächlich ist die Endemizität
der Ruhr wie auch anderer infektiöser Darmkrankheiten neben
ihrem Auftreten als Kriegs- bzw. Lagerseuche in der Vergangenheit
vor allem ein urbanes Problem gewesen, das erst durch eine geregelte
Abfallbeseitigung und saubere Trinkwasserversorgung gelöst
werden konnte.
Mangelhafte
Hygiene förderte die Verbreitung von Seuchen
Die mittelalterlichen
Städte und Ansiedlungen mit ihren engen Straßen und
krummen, nicht kanalisierten Gassen sowie ohne eine geregelte
Abfallbeseitigung und fehlender zentraler Wasserversorgung waren
potenzielle Seuchenherde ersten Ranges. Die durch diese hygienischen
Missstände gegebene Gefahr des Seuchenausbruchs wurde noch
dadurch erhöht, dass bis weit in die Neuzeit hinein auch
in den Städten Viehhaltung üblich war. Außer den
Abfällen auf den Straßen türmten sich dann neben
den Viehställen Misthaufen, was wiederum zu Ratten- und Fliegenplagen
führte. Am folgenschwersten hinsichtlich der hygienischen
Mängel in den mittelalterlichen Städten waren jedoch
die unzulängliche Fäkalienbeseitigung und die mangelhafte
Trinkwasserversorgung.
Wo es fließende
Gewässer gab, wie in Hagen die Volme, benutzte man diese
sowohl zur Abfallbeseitigung als auch zur Trinkwasserentnahme.
In den (Zieh-)Brunnen wurde das (Grund-)Wasser durch die Mist-
und Jauchegruben in der unmittelbaren Nachbarschaft und durch
den auf den ungepflasterten Straßen versickernden Kot sowie
anderen Unrat verseucht. Was die Seuchen fördernden hygienischen
Zu- oder vielmehr Missstände anbetrifft, so änderte
sich in dieser Hinsicht auch in den neuzeitlichen Städten
nicht viel. Vor allem auf den Dörfern und Bauernhöfen
gab es damals und in einigen Gegenden noch bis in das 20. Jahrhundert
hinein zudem häufig keinen Abort. Wo jedoch ein solcher vorhanden
war, befand er sich auch hier oft in gefährlicher Nähe
zum Brunnen. Doch auch in den Großstädten kam es im
19. und frühen 20. Jahrhundert zu verlustreiche Epidemien
von Infektionskrankheiten, die sich schnell über die Erde
ausbreiten konnten. So starben in den Jahren 1918/19 weltweit
rund 20 Millionen an der so genannten Spanischen Grippe. Über
8.500 Menschen wurden 1892
in Hamburg in einer großen Cholera-Epidemie
getötet. Zuvor waren bereits in London in mehreren Cholera-Epidemien
in den Jahren 1832,
1854
und 1866
tausende Menschen gestorben. Für das 20. Jahrhundert sind
die drei schweren Pandemien von 1957/58 (Asiatische Grippe, ca.
eine Million Tote), 1968/69 (Hongkong-Grippe, ca. 700.000 Tote)
und 1977/78 (Russische Grippe, ca. 700.000 Tote) zu nennen.4
Hinsichtlich
der Ätiologie und Epidemiologie der Ruhr tappten die Ärzte
auch in der Neuzeit aber völlig im Dunkeln. Noch bis in die
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war die medizinische
Lehrmeinung über die Entstehung der Ruhr wie auch anderer
epidemischer Erkrankungen von der aus der Antike stammenden miasmatischen
Anschauung beherrscht, wonach Seuchen durch verpestete Luft hervorgerufen
wurden. Die epidemische Ausbreitung der Ruhr wurde allerdings
auch auf ein Miasma zurückgeführt, das angeblich aus
den Exkrementen der an der Ruhr Erkrankten entstand.
Erst Ende
des 19. Jahrhunderts, während einer schweren Ruhr-Epidemie
in Japan im Jahr 1897, gelang es, den (bakteriellen) Erreger der
Ruhr zu entdecken. Er wird heute nach seinem Entdecker, dem japanischen
Bakteriologen Shiga, "Shigella“ genannt. Doch es waren
vor allem die seit dem Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts
eingetretenen Veränderungen oder vielmehr Verbesserungen
der hygienischen Verhältnissen insbesondere durch die Schaffung
einer zentralen Wasserleitung und Schwemmkanalisation in Verbindung
mit einer zunehmenden Reinlichkeit auch beim allgemeinen Wirtschaften,
im Nahrungsmittelhandel und Nahrungsmittelverkehr, die wirksam
das Auftreten von Ruhr-Epidemien und anderen Seuchen verhinderten.
Verlauf
der Ruhr-Epidemie 1795/1796 in Hagen
Die
Ruhr-Epidemie, die 1795/1796 Hagen heimsuchte, brach im Juni des
Jahres 1795 aus. [Abb. Blick auf
Hagen, um 1810. Goache v. Johann Heinrich Bleuler, Stadtmuseum
Hagen >Abb.
vergrössern (50 kb)] Sie erreichte in den Monaten August
und September ihren Höhepunkt. Danach klang sie langsam ab,
dauerte jedoch noch bis in das Jahr 1796 an.5
Von den 233 Wohnhäusern, die Hagen damals zählte, blieben
keine zwanzig von der Seuche verschont. Rund zwei Drittel der
damals über 1.300 Einwohner erkrankten im Verlauf der Epidemie
teils in mittlerem, teils in schwerem Grad daran. Schließlich
breitete sich die Seuche auch in einigen Gegenden in der Umgebung
der Stadt aus, im lutherischen Kirchspiel Hagen z. B. in der Bauerschaft
Eilpe, aber auch in der Stadt Herdecke, im Dorf Wetter und in
Volmarstein.6
Ende 1795/Anfang
1796 kam es dann zu einem neuerlichen Anstieg der Seuchenerkrankung.
Jetzt waren es aber nach den Beobachtungen des lutherischen Ortspfarrers
in Hagen, Johann Friedrich Dahlenkamp, überwiegend Fälle
von "Faulfieber“.7 Bis Ende
Oktober 1795 verstarben in der Stadt und in dem Gerichtsbezirk
Hagen insgesamt 126 Personen an der Ruhr, 65 davon in der Stadt
Hagen und 64 im umliegenden Gerichtsbezirk.8
Von den in der lutherischen Gemeinde, zu der die weit überwiegende
Mehrzahl der Bewohner in der Stadt Hagen gehörte, zwischen
dem 30. Juni und 10. Oktober 1795 an der Ruhr verstorbenen 46
Personen waren 14 Erwachsene und 32 Kinder. Auch auf dem Land
bzw. im lutherischen Kirchspiel Hagen starben in dem genannten
Zeitraum weitaus mehr Kinder (25) als Erwachsene (13) an der Seuche.9
Zeitgenössische
Ursachenerklärung
Mangelernährung
und die Lehre von den Körpersäften
Die seinerzeit
im Zusammenhang mit der Ruhr-Epidemie in Hagen 1795/1796 von den
amtlichen Stellen bzw. Personen vor Ort verfassten und erhalten
gebliebenen Berichte sind nicht nur in medizingeschichtlicher
Hinsicht aufschlussreich, sondern liefern auch eine ebenso informative
wie anschauliche mikro-sozialhistorische Momentaufnahme. Wohl
im August 1795 hatte der für Hagen zuständige staatliche
Beamte, der Kriegs- und Steuerrat Eversmann, an die vorgesetzte
Behörde, die Kriegs- und Domänenkammer in Hamm, ausführlich
über den Ausbruch und bisherigen Verlauf der Ruhr-Epidemie
in Hagen berichtet. In dem Schreiben war von ihm auch die Auffassung
geäußert worden, dass die Seuche ihre Ursache in dem
durch das Fehlen von Straßenpflaster in der Stadt verursachten
Übel habe. Diese Meinung wies das zuständige Ministerium
in Berlin aber als "gar nicht wahrscheinlich“
zurück. Nach dessen Überzeugung lag der tiefere Grund
für die Ruhr-Epidemie in Hagen vor allem in der unzureichenden
und ungeeigneten Ernährung der Bevölkerung.10
Die Regierung war daher auch bereit, als Hilfe für die erkrankten
"Bedürftigen“ Lebensmittel zur Verfügung
zu stellen, doch nur in begrenztem Umfang und auch nicht gänzlich
kostenlos. Statt der daraufhin von Eversmann beantragten und für
erforderlich erachteten 1.000 Pfd. Graupen und 1.000 Pfd. Hafergrütze
bewilligte die Regierung in Hamm ihm lediglich den Aufkauf von
jeweils nur der Hälfte. Auch sollten diese Nahrungsmittel
nach Möglichkeit von den zu ihrem Erwerb Berechtigten käuflich
erworben werden, gegebenenfalls unter Nachlass höchstens
eines Drittels des Ankaufpreises. Lediglich an die wirklich Armen,
denen auch dieser ermäßigte Preis noch "zu
schwer“ zu bezahlen sein würde, durfte die Ware
kostenlos abgegeben werden.11
Auch der Land-Physikus
Professor Hoffmann, der von der Regierung in Hamm zur Untersuchung
der Ruhr-Epidemie und zur Unterstützung des einzigen örtlichen
Arztes in Hagen, Dr. Emminghaus, in die Stadt entsandt worden
war, sah in der falschen und Mangelernährung gerade der unteren
Bevölkerungsklassen die Hauptursache für die Entstehung
der Seuche in der Stadt.12 Er führte in
seinem Bericht nach einer detaillierten Beschreibung der Symptome
und des Verlaufs der Krankheit aus, dass der Ausbruch der Ruhr
durch die vorausgegangene "Theuerung des Getreides“
und den "Mangel an gesunden Nahrungsmitteln insonderheit
bey Dürfftigen“ bewirkt worden sei. Auch die Geschichte
bezeuge, dass auf Not- und Teuerungszeiten mit Mangel an Getreide
stets epidemische Krankheiten folgten.13 Professor
Hoffmann fährt dann fort, dass der größte Teil
der Einwohner in Hagen Fabrikarbeiter, Handwerker, Wollenweber,
Tagelöhner und Fuhrleute sei. Deren täglicher Verdienst
betrage kaum 20 Stüber (Stb.), wovon sie oft noch Frau und
"viele Kinder“ zu ernähren hätten.
Mitte Oktober 1795, also auch noch nach der Ernte, habe ein kleines
Roggenbrot in Hagen aber immer noch 27 Stb. gekostet. Bei diesem
Preis, so Professor Hoffmann, musste der "Dürfftige
und Unvermögende“ aber Mangel an Brot leiden und
sich der "größte Theil der Einwohner“,
um sein Leben zu erhalten, täglich von etwas saurer Milch
und mit dieser Milch zubereitetem Salat ernähren. Überdies
seien von den Menschen aus reiner Not noch viele "unreife
Erdäpfel“ gegessen worden. In Folge der unzureichenden
Ernährung und des Mangels an gesunden Nahrungsmitteln sowie
durch den "Kummer der Menschen“ habe sich
im "ersten Magen und in den Körpersäften“
ein "fauler Stoff“ gebildet,14
der bei "zunehmender Stärke und geringster Gelegenheit“
den Ausbruch der Ruhr und des "Faulfiebers“
bewirkt habe.
Hygienische
Zustände und Miasma-Theorie
Auch der lutherische
Prediger J. F. Dahlenkamp äußerte sich in seinem von
dem Kriegs- und Steuerrat Eversmann angeforderten Bericht über
die Ruhr-Epidemie in Hagen zu den Ursachen der Seuche.15
Seinen Ausführungen kommen auf Grund der Tatsache, dass er
als ortsansässiger Pfarrer die Verhältnisse vor Ort
genau kannte, besondere Bedeutung zu. In dem betreffenden Abschnitt
seines ausführlichen Berichtes bietet Dahlenkamp auch ein
anschauliches Bild von den - aus heutiger Sicht katastrophalen
- hygienischen und sanitären Zuständen in der damaligen
Stadt Hagen. Nach seinen Feststellungen hatte die Ruhr-Epidemie
seinerzeit ihren Ausgang von dem an der rechten Seite des durch
die Stadt fließenden Flusses Volme gelegenen - kleineren
- Teil der Stadt genommen, der auf Grund der Beschaffenheit seines
topographischen Umfelds "unter dem Berge“
hieß (heute: Unterberg). Das war nach Dahlenkamps Überzeugung
kein Zufall, da er die Ursache durchaus zutreffend, wenn auch
in Unkenntnis der bakteriologischen Zusammenhänge, in den
dort herrschenden Seuchen bewirkenden Zuständen sah. Diese
beschreibt er dann so: "Unter dem Berge hieselbst sind
überall, weil das Wasser keinen Abfluß hat, große
faulende und stinkende Pfützen, die um so viel schlimmer
werden, da die dort wohnenden Bierbrauer und Brandtweinbrenner
das gegohrne Wasser in dieselben schütten, die vielen Fellbereiter
[Gerber] den faulenden Abfall von den Fellen [Häuten]
dorthin werfen, und die Juden das Blut und den Unrath des
geschlachteten Viehes hinein lassen.“
Aber auch
in den anderen Teilen der Stadt sah es nach der Schilderung Dahlenkamps
in dieser Hinsicht nicht besser aus. Da selbst die Hauptverkehrsstraßen
nicht gepflastert waren, entstanden durch den herrschenden Verkehr
derartige Vertiefungen, dass Fußgängern ein Überqueren
der Straße fast unmöglich war. Um aber dennoch auf
die andere Straßenseite gelangen zu können, hatten
die Bewohner an verschiedenen Stellen quer über die Straße
eine Art von kleinen Erddämmen angelegt. Diese verhinderten
nun aber endgültig jeglichen Abfluss, so dass, wie Dahlenkamp
schreibt, "aller Ausfluß aus den Häusern,
Kloaken und Ställen in den Höfen oder Straßen
stehen bleibt und einen unaufhörlichen Gestank erweckt“.
In einem späteren ergänzenden Bericht erklärt Dahlenkamp
unter Bezugnahme auf diese besonders in den Bereich "unter
dem Berge“ herrschenden Zustände, dass dieses
Gebiet die "Pflanzschule“ der Ruhr und der
"hitzigen Fieber“ für die Stadt bleiben
werde, wenn man nicht bald Abhilfe schaffe.16
Wie die weiteren Ausführungen Dahlenkamps zu den Entstehungsursachen
der Ruhr-Epidemie in Hagen bezeugen, war er ein Anhänger
der Miasma-Lehre. Nach seiner Ansicht hatten die durch Gärung
und Fäulnis von pflanzlicher und tierischer Materie wie auch
in stehenden Pfützen und Sümpfen erzeugten und durch
den Wind verbreiteten "bösen Dünste“
und "Luftfäulen“ die Seuche hervorgerufen.
Die Seuchen-Plage in der Stadt Hagen werde aber, so erklärte
er zum Schluss prophetisch, nicht eher aufhören, bis die
"Sümpfe“ trocken gelegt und die Straßen
gepflastert seien.
Doch noch
zwei Jahrzehnte sollten vergehen, bis 1816, ein Jahr vor Dahlenkamps
Tod, die erste Straße in Hagen, eine Haupt-Durchgangsstraße,
die damalige Iserlohner Straße (heute: Märkischer Ring)
gepflastert wurde.17 Aber noch bis 1877 gab
es in Hagen lediglich eine einzige weitere gepflasterte Straße,
nämlich die schmale und kurze Kampstraße.18
Die Einrichtung einer zentralen Trinkwasserversorgung durch den
Bau eines Wasser-Hochreservoirs und die Verlegung des Rohrnetzes
erfolgte in Hagen 1885/1886.19 Mit der Schaffung
einer Kanalisation begann man in Hagen schließlich im Jahre
1903.20
Anlagen
1)
Verfügung vom 15. Dezember 1795 der Kriegs- und Domänenkammer
in Hamm an den Kriegs- und Steuerrat Eversmann in Hagen –
Stadtarchiv Hagen, Akte Ha 1 Nr. 18 Bl. 45
"Von
Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm König von Preussen etc.
Unsern gnädigen Gruß zuvor, Hochgelahrter Rath, Lieber
Getreuer! Um denen mit Epidemischen Krankheiten befallenen dürftigen
Personen in der Stadt Hagen eine Unterstützung zu verschaffen,
werdet Ihr auf Euren Bericht vom 9ten d: hiemit angewiesen, nur
Fünf Hundert Pfund Graupen, und eben so viel Haber-Grütze
anzuschaffen, solche nach dem Grade der Nothwendigkeit vertheilen,
und allenfalls 1/3tel der Ankaufs-Kosten, bey Uberlaßung
schwinden zu lassen. Sollte dieses den Armen jedoch noch zu schwer
zu bezahlen werden, so habt Ihr ihnen den Bedarf umsonst reichen
zu lassen, und davon in der Folge eine Nachweise einzureichen;
Inzwischen nicht zu unterlassen nach Anleitung der Euch vorhin
zugegangenen Directorial-Verordnung, die Listen von den fernerweit
krank gewordenen und daran gestorbenen, oder wieder Genesenen
von 14 zu 14 Tagen einzureichen. Sind Euch mit Gnaden gewogen.
Gegeben
Hamm in Unserer Krieges- und Domainen-Kammer den 15t. Dec: 1795.
Anstatt und wegen Allerhöchsgndter. Sr. Königl. Maj.“
2)
Schreiben vom 20. Mai 1796 des lutherischen Ortspfarrers in Hagen,
Johann Friedrich Dahlenkamp, an den für Hagen zuständigen
Kriegs- und Steuerrat Eversmann – Stadtarchiv Hagen, Akte
Ha 1 Nr. 18 Bl. 77
"Wohlgebohrner,
Besonders Hochzuehrender Herr Kriegsrath!
Meine Furcht daß die Gegend unter dem Berge für uns
die Pflanzschule der hitzigen Fieber und der rothen Rhur bleiben
werde, wenn man nicht Anstalt dagegen macht, wird dadurch erhalten,
dass das Faulfieber daselbst wieder anfängt heftig zu wüten
und ganze Haushaltungen sich wieder legen. Der kommenden heissen
Jahrszeit sehe ich, der rothen Rhur wegen, mit Verlegenheit entgegen.
Ich habe daher Ew. Wohlgebohren ersuchen wollen den hiesigen Magistrat
zu ermuntern der Verordnung der Hochlöblichen Kammer gemäß
das Ausfüllen der Erniedrigungen und die Ableitung der stehenden
Sümpfe schleunigst zu bewirken, um zu versuchen, ob nicht
dadurch diese Gegend gesunder gemacht werden könne.
Hagen
den 20sten May 1796.
Dahlenkamp“
Anmerkungen
1)
Hierzu Teske, Gunnar: Bürger, Bauern, Söldner und Gesandte.
Der Dreissigjährige Krieg und der Westfälische Frieden
in Westfalen, Münster 1997, S. 123ff; Zur Nieden, Heinrich
W.: Die Kirche zu Hagen. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte der
Grafschaft Mark, Gütersloh 1904, S. 65.
2) Zahlen nach einer Bittschrift v. 22.3.1645
der Ritterbürtigen und Vorsteher des Gerichts Hagen - (Teil-)Druck:
Ein Steuerstreit im damaligen Amt Wetter am Ende des Dreißigjährigen
Krieges, hg. u. bearb. v. Otto Schnettler. Hattingen 1932, S.
15. Zur Pestepidemie in der Gft. Limburg s. Marra, Stephanie:
Tod auf der Kirchmeß. Präsenz und Renitenz militärischer
Truppen in der Grafschaft Limburg 1633-1636. In: Thier, Dietrich
(Hg.): Das Amt Wetter im Dreißigjährigen Krieg, Wetter
1998, S. 135-146, hier S. 145.
3) Zur Beschreibung der "Ruhr" und zum
Krankheitsbild s. Ärzte-Informationen
des Robert Koch-Instituts, Berlin. Die folgende Darstellung stützt
sich hauptsächlich auf Winkle, Stefan: Kulturgeschichte der
Seuchen. Düsseldorf-Zürich 1997, bes. S. 339ff. Zum
Thema s. auch Riha, Ortrun (Hg.): Seuchen in der Geschichte 1348
- 1998. 650 Jahre nach dem schwarzen Tod. Referate einer interdisziplinären
Ringvorlesung im Sommersemester 1998 an der Universität Leipzig,
Aachen 1999 und Wilderotter, Hans (Hg.): Das große Sterben
: Seuchen machen Geschichte, Berlin 1995 [Katalog zur Ausstellung
im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, 8.12.1995-10.3.1996].
4) Zu den Cholera-Epidemien s. Evens, Richard
J.: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren
1830 - 1910, Reinbek 1996.
5) Bericht v. 30.10.1795 des für Hagen zuständigen
Kriegs- und Steuerrats Eversmann an die Kriegs- und Domänenkammer
(KuDK) in Hamm sowie Bericht o. D. (Januar 1796) des lutherischen
Ortspfarrers in Hagen, J. F. Dahlenkamp, an Eversmann; StadtA
Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
6) Angaben lt. Bericht v. 12.10.1795 von J. F.
Dahlenkamp an Eversmann und Bericht v. 21.10.1795 des Land-Physikus
Prof. Hoffmann an die KuDK in Hamm; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr.
18.
7) Bericht o. D. (Jan. 1795) von J. F. Dahlenkamp
an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18. Mit dem "Faulfieber“
ist, sofern es sich doch nicht um die Ruhr handelt, der Abdominal-(Unterleibs-)Typhus
gemeint. Ruhr und Typhus traten früher oft gemeinsam auf
und auch ihre Symptome sind z. T. identisch. Allerdings ist der
Typhus, der heute noch oft für eine infektiöse Darmkrankheit
gehalten wird, in Wirklichkeit eine übertragbare, septikämische
Allgemeininfektion mit allerdings besonderer Auswirkung auf den
Darm.
8) Angaben nach einer amtlichen Aufstellung o.
D.; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
9) Angaben nach dem Bericht vom 12.10.1795 v.
J. F. Dahlenkamp an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
Dennoch hielt es das Ministerium für "gut“,
die in der Stadt vorhandenen "Pfützen“
abzuleiten.
10) Lt. Verfügung v. 15.9.1795 des Ministeriums
in Berlin an die KuDK in Hamm; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
11) Verfügung v. 15.12.1795 der KuDK Hamm
an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
12) Bericht v. 21.10.1795 von Prof. Hoffmann
an die KuDK Hamm; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
13) Diese Beobachtung bzw. Feststellung trifft
sachlich durchaus zu, da ein geschwächter Körper weniger
Abwehrkräfte besitzt und daher eher krankheitsanfällig
ist.
14) Dahinter steht die noch bis weit in das 19.
Jahrhundert in der Medizin vertretene, aus der Antike stammende
Lehre von den im menschlichen Körper vorhandenen vier Säften
Blut (sanguinis), Schleim (phlegma), rote Galle
(cholera) und schwarze Galle (melancholia).
Nach dieser Lehre wurde Krankheit durch ein die "gesunde“
Mischung (temperamentum) der Körpersäfte störendes
Übergewicht oder Verderbnis eines der Körpersäfte
verursacht.
15) Bericht v. 12.10.1795; StadtA Hagen Akte
Ha 1 Nr. 18. Aus diesem Bericht auch die nachfolgenden Zitate.
16) Bericht v. 20.5.1796 an Eversmann; StadtA
Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
17) Holz, Walter K. B.: Ein Jahrtausend Raum
Hagen, Hagen 1947, S. 219.
18) Wrietzner, L. : Aus Hagens vergangenen Tagen.
Erinnerungs-Skizzen. Hagen 1912, S. 21.
19) Ebd., S. 63.
20) Angabe nach "Canalisation der Stadt
Hagen in Westfalen - Erläuterungsbericht“, erstellt
vom Städtischen Tiefbauamt, Mai 1903; StadtA Hagen Akte Ha
1 Nr. 6302.
Autorin:
Dr. phil. Margrit Sollbach-Papeler <sollbach@dx1.hrz.uni-dortmund.de>
© Historisches Centrum Hagen, alle Rechte vorbehalten
URL: http://www.historisches-centrum.de/einblicke/02/200207.html
Version vom: 1.9.2002
Alle Abbildungen © Stadtarchiv Hagen, soweit nichts anderes vermerkt.
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