Autoren: Dr. Margrit Sollbach-Papeler
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Version vom: 1.9.2002

Einblicke - Zeitschrift für Regionalgeschichte | 2. Jahrgang | 2002 | Ausgabe 6 (September)
ISSN 1618-9752

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Margrit Sollbach-Papeler
Die Ruhr-Epidemie von 1795 / 1796 in Hagen

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Die Ruhr - Wesen und Geschichte einer Seuche

Seuchen und Epidemien haben das Leben der Menschen und den Verlauf der (Welt-)Geschichte in der Vergangenheit in einem weit größeren Ausmaß beherrscht und bestimmt, als das im allgemeinen historischen Verständnis heute meist wahrgenommen wird. Tatsächlich sind epidemische Krankheiten wie z.B. die Ruhr in früheren Zeiten eine regelmäßige und fast "normale“ Begleiterscheinung menschlichen Zusammenlebens gewesen. Auch die Ruhr-Epidemie, die 1795/1796 in Hagen grassierte, ist hier nicht der erste Seuchenausbruch gewesen. So wurde der südwestfälische Raum und die Grafschaft Mark während des Dreißigjährigen Kriegs in den Jahren 1635 bis 1636 von einer besonders schweren Pest-Epidemie heimgesucht, der nach zeitgenössischen Quellen allein im damaligen Dorf Hagen angeblich mehr als 600 Menschen zum Opfer fielen und in einem Massengrab an der Johanniskirche bestattet wurden.1 Im gesamten lutherischen Kirchspiel Hagen sollen damals über 2.400 Personen an der Pest gestorben sein.Auch in der benachbarten Grafschaft Limburg fanden hunderte Menschen den Tod.2

In medizinischer Hinsicht ist die Ruhr (griech. Dysenterie) und speziell die Bakterienruhr eine beim Menschen meist seuchenartig auftretende Infektionskrankheit.3 Sie wird durch Ruhrbakterien (Shigella-Gruppe) verursacht. Deren Übertragung erfolgt durch Berührung, verseuchtes Trinkwasser und andere Getränke wie z. B. Milch, infizierte Nahrungsmittel sowie auch durch Fliegen. Bereits nach wenigen Tagen setzen bei dem Erkrankten in Folge einer Entzündung der Dickdarmschleimhaut Koliken, unstillbarer, schmerzhafter Stuhlzwang und akute heftige Durchfälle mit meist bluthaltigem Schleim ein. Je nach dem durch die unterschiedliche Beimengung von Blut oder Schleim bedingten Aussehen der Stühle unterschied man früher rote und weiße Ruhr. Darmdurchbrüche können bei dem an der Ruhr Erkrankten zu Bauchfellentzündung und schließlich zum Tod führen. Mit ziemlicher Sicherheit hat es die Ruhr bereits in den antiken Hochkulturen im Niltal und im Zweistromland gegeben. In Athen grassierte sie neben Fleckfieber und Pocken während des Peloponnesischen Kriegs (431-404 v. Chr.) im Zusammenhang mit einem plötzlichen Zustrom von Flüchtlingen. Verursacht wurde sie durch eine unzulängliche Abfallbeseitigung in der Stadt sowie die dadurch ausgelöste Fliegenplage und Grundwasserverseuchung. Tatsächlich ist die Endemizität der Ruhr wie auch anderer infektiöser Darmkrankheiten neben ihrem Auftreten als Kriegs- bzw. Lagerseuche in der Vergangenheit vor allem ein urbanes Problem gewesen, das erst durch eine geregelte Abfallbeseitigung und saubere Trinkwasserversorgung gelöst werden konnte.

Mangelhafte Hygiene förderte die Verbreitung von Seuchen

Die mittelalterlichen Städte und Ansiedlungen mit ihren engen Straßen und krummen, nicht kanalisierten Gassen sowie ohne eine geregelte Abfallbeseitigung und fehlender zentraler Wasserversorgung waren potenzielle Seuchenherde ersten Ranges. Die durch diese hygienischen Missstände gegebene Gefahr des Seuchenausbruchs wurde noch dadurch erhöht, dass bis weit in die Neuzeit hinein auch in den Städten Viehhaltung üblich war. Außer den Abfällen auf den Straßen türmten sich dann neben den Viehställen Misthaufen, was wiederum zu Ratten- und Fliegenplagen führte. Am folgenschwersten hinsichtlich der hygienischen Mängel in den mittelalterlichen Städten waren jedoch die unzulängliche Fäkalienbeseitigung und die mangelhafte Trinkwasserversorgung.

Wo es fließende Gewässer gab, wie in Hagen die Volme, benutzte man diese sowohl zur Abfallbeseitigung als auch zur Trinkwasserentnahme. In den (Zieh-)Brunnen wurde das (Grund-)Wasser durch die Mist- und Jauchegruben in der unmittelbaren Nachbarschaft und durch den auf den ungepflasterten Straßen versickernden Kot sowie anderen Unrat verseucht. Was die Seuchen fördernden hygienischen Zu- oder vielmehr Missstände anbetrifft, so änderte sich in dieser Hinsicht auch in den neuzeitlichen Städten nicht viel. Vor allem auf den Dörfern und Bauernhöfen gab es damals und in einigen Gegenden noch bis in das 20. Jahrhundert hinein zudem häufig keinen Abort. Wo jedoch ein solcher vorhanden war, befand er sich auch hier oft in gefährlicher Nähe zum Brunnen. Doch auch in den Großstädten kam es im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu verlustreiche Epidemien von Infektionskrankheiten, die sich schnell über die Erde ausbreiten konnten. So starben in den Jahren 1918/19 weltweit rund 20 Millionen an der so genannten Spanischen Grippe. Über 8.500 Menschen wurden 1892 in Hamburg in einer großen Cholera-Epidemie getötet. Zuvor waren bereits in London in mehreren Cholera-Epidemien in den Jahren 1832, 1854 und 1866 tausende Menschen gestorben. Für das 20. Jahrhundert sind die drei schweren Pandemien von 1957/58 (Asiatische Grippe, ca. eine Million Tote), 1968/69 (Hongkong-Grippe, ca. 700.000 Tote) und 1977/78 (Russische Grippe, ca. 700.000 Tote) zu nennen.4

Hinsichtlich der Ätiologie und Epidemiologie der Ruhr tappten die Ärzte auch in der Neuzeit aber völlig im Dunkeln. Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein war die medizinische Lehrmeinung über die Entstehung der Ruhr wie auch anderer epidemischer Erkrankungen von der aus der Antike stammenden miasmatischen Anschauung beherrscht, wonach Seuchen durch verpestete Luft hervorgerufen wurden. Die epidemische Ausbreitung der Ruhr wurde allerdings auch auf ein Miasma zurückgeführt, das angeblich aus den Exkrementen der an der Ruhr Erkrankten entstand.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts, während einer schweren Ruhr-Epidemie in Japan im Jahr 1897, gelang es, den (bakteriellen) Erreger der Ruhr zu entdecken. Er wird heute nach seinem Entdecker, dem japanischen Bakteriologen Shiga, "Shigella“ genannt. Doch es waren vor allem die seit dem Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts eingetretenen Veränderungen oder vielmehr Verbesserungen der hygienischen Verhältnissen insbesondere durch die Schaffung einer zentralen Wasserleitung und Schwemmkanalisation in Verbindung mit einer zunehmenden Reinlichkeit auch beim allgemeinen Wirtschaften, im Nahrungsmittelhandel und Nahrungsmittelverkehr, die wirksam das Auftreten von Ruhr-Epidemien und anderen Seuchen verhinderten.

Verlauf der Ruhr-Epidemie 1795/1796 in Hagen

Die Ruhr-Epidemie, die 1795/1796 Hagen heimsuchte, brach im Juni des Jahres 1795 aus. Sie erreichte in den Monaten August und September ihren Höhepunkt. Danach klang sie langsam ab, dauerte jedoch noch bis in das Jahr 1796 an.5 Von den 233 Wohnhäusern, die Hagen damals zählte, blieben keine zwanzig von der Seuche verschont. Rund zwei Drittel der damals über 1.300 Einwohner erkrankten im Verlauf der Epidemie teils in mittlerem, teils in schwerem Grad daran. Schließlich breitete sich die Seuche auch in einigen Gegenden in der Umgebung der Stadt aus, im lutherischen Kirchspiel Hagen z. B. in der Bauerschaft Eilpe, aber auch in der Stadt Herdecke, im Dorf Wetter und in Volmarstein.6

Ende 1795/Anfang 1796 kam es dann zu einem neuerlichen Anstieg der Seuchenerkrankung. Jetzt waren es aber nach den Beobachtungen des lutherischen Ortspfarrers in Hagen, Johann Friedrich Dahlenkamp, überwiegend Fälle von "Faulfieber“.7 Bis Ende Oktober 1795 verstarben in der Stadt und in dem Gerichtsbezirk Hagen insgesamt 126 Personen an der Ruhr, 65 davon in der Stadt Hagen und 64 im umliegenden Gerichtsbezirk.8 Von den in der lutherischen Gemeinde, zu der die weit überwiegende Mehrzahl der Bewohner in der Stadt Hagen gehörte, zwischen dem 30. Juni und 10. Oktober 1795 an der Ruhr verstorbenen 46 Personen waren 14 Erwachsene und 32 Kinder. Auch auf dem Land bzw. im lutherischen Kirchspiel Hagen starben in dem genannten Zeitraum weitaus mehr Kinder (25) als Erwachsene (13) an der Seuche.9

Zeitgenössische Ursachenerklärung

Mangelernährung und die Lehre von den Körpersäften

Die seinerzeit im Zusammenhang mit der Ruhr-Epidemie in Hagen 1795/1796 von den amtlichen Stellen bzw. Personen vor Ort verfassten und erhalten gebliebenen Berichte sind nicht nur in medizingeschichtlicher Hinsicht aufschlussreich, sondern liefern auch eine ebenso informative wie anschauliche mikro-sozialhistorische Momentaufnahme. Wohl im August 1795 hatte der für Hagen zuständige staatliche Beamte, der Kriegs- und Steuerrat Eversmann, an die vorgesetzte Behörde, die Kriegs- und Domänenkammer in Hamm, ausführlich über den Ausbruch und bisherigen Verlauf der Ruhr-Epidemie in Hagen berichtet. In dem Schreiben war von ihm auch die Auffassung geäußert worden, dass die Seuche ihre Ursache in dem durch das Fehlen von Straßenpflaster in der Stadt verursachten Übel habe. Diese Meinung wies das zuständige Ministerium in Berlin aber als "gar nicht wahrscheinlich“ zurück. Nach dessen Überzeugung lag der tiefere Grund für die Ruhr-Epidemie in Hagen vor allem in der unzureichenden und ungeeigneten Ernährung der Bevölkerung.10 Die Regierung war daher auch bereit, als Hilfe für die erkrankten "Bedürftigen“ Lebensmittel zur Verfügung zu stellen, doch nur in begrenztem Umfang und auch nicht gänzlich kostenlos. Statt der daraufhin von Eversmann beantragten und für erforderlich erachteten 1.000 Pfd. Graupen und 1.000 Pfd. Hafergrütze bewilligte die Regierung in Hamm ihm lediglich den Aufkauf von jeweils nur der Hälfte. Auch sollten diese Nahrungsmittel nach Möglichkeit von den zu ihrem Erwerb Berechtigten käuflich erworben werden, gegebenenfalls unter Nachlass höchstens eines Drittels des Ankaufpreises. Lediglich an die wirklich Armen, denen auch dieser ermäßigte Preis noch "zu schwer“ zu bezahlen sein würde, durfte die Ware kostenlos abgegeben werden.11

Auch der Land-Physikus Professor Hoffmann, der von der Regierung in Hamm zur Untersuchung der Ruhr-Epidemie und zur Unterstützung des einzigen örtlichen Arztes in Hagen, Dr. Emminghaus, in die Stadt entsandt worden war, sah in der falschen und Mangelernährung gerade der unteren Bevölkerungsklassen die Hauptursache für die Entstehung der Seuche in der Stadt.12 Er führte in seinem Bericht nach einer detaillierten Beschreibung der Symptome und des Verlaufs der Krankheit aus, dass der Ausbruch der Ruhr durch die vorausgegangene "Theuerung des Getreides“ und den "Mangel an gesunden Nahrungsmitteln insonderheit bey Dürfftigen“ bewirkt worden sei. Auch die Geschichte bezeuge, dass auf Not- und Teuerungszeiten mit Mangel an Getreide stets epidemische Krankheiten folgten.13 Professor Hoffmann fährt dann fort, dass der größte Teil der Einwohner in Hagen Fabrikarbeiter, Handwerker, Wollenweber, Tagelöhner und Fuhrleute sei. Deren täglicher Verdienst betrage kaum 20 Stüber (Stb.), wovon sie oft noch Frau und "viele Kinder“ zu ernähren hätten. Mitte Oktober 1795, also auch noch nach der Ernte, habe ein kleines Roggenbrot in Hagen aber immer noch 27 Stb. gekostet. Bei diesem Preis, so Professor Hoffmann, musste der "Dürfftige und Unvermögende“ aber Mangel an Brot leiden und sich der "größte Theil der Einwohner“, um sein Leben zu erhalten, täglich von etwas saurer Milch und mit dieser Milch zubereitetem Salat ernähren. Überdies seien von den Menschen aus reiner Not noch viele "unreife Erdäpfel“ gegessen worden. In Folge der unzureichenden Ernährung und des Mangels an gesunden Nahrungsmitteln sowie durch den "Kummer der Menschen“ habe sich im "ersten Magen und in den Körpersäften“ ein "fauler Stoff“ gebildet,14 der bei "zunehmender Stärke und geringster Gelegenheit“ den Ausbruch der Ruhr und des "Faulfiebers“ bewirkt habe.

Hygienische Zustände und Miasma-Theorie

Auch der lutherische Prediger J. F. Dahlenkamp äußerte sich in seinem von dem Kriegs- und Steuerrat Eversmann angeforderten Bericht über die Ruhr-Epidemie in Hagen zu den Ursachen der Seuche.15 Seinen Ausführungen kommen auf Grund der Tatsache, dass er als ortsansässiger Pfarrer die Verhältnisse vor Ort genau kannte, besondere Bedeutung zu. In dem betreffenden Abschnitt seines ausführlichen Berichtes bietet Dahlenkamp auch ein anschauliches Bild von den - aus heutiger Sicht katastrophalen - hygienischen und sanitären Zuständen in der damaligen Stadt Hagen. Nach seinen Feststellungen hatte die Ruhr-Epidemie seinerzeit ihren Ausgang von dem an der rechten Seite des durch die Stadt fließenden Flusses Volme gelegenen - kleineren - Teil der Stadt genommen, der auf Grund der Beschaffenheit seines topographischen Umfelds "unter dem Berge“ hieß (heute: Unterberg). Das war nach Dahlenkamps Überzeugung kein Zufall, da er die Ursache durchaus zutreffend, wenn auch in Unkenntnis der bakteriologischen Zusammenhänge, in den dort herrschenden Seuchen bewirkenden Zuständen sah. Diese beschreibt er dann so: "Unter dem Berge hieselbst sind überall, weil das Wasser keinen Abfluß hat, große faulende und stinkende Pfützen, die um so viel schlimmer werden, da die dort wohnenden Bierbrauer und Brandtweinbrenner das gegohrne Wasser in dieselben schütten, die vielen Fellbereiter [Gerber] den faulenden Abfall von den Fellen [Häuten] dorthin werfen, und die Juden das Blut und den Unrath des geschlachteten Viehes hinein lassen.

Aber auch in den anderen Teilen der Stadt sah es nach der Schilderung Dahlenkamps in dieser Hinsicht nicht besser aus. Da selbst die Hauptverkehrsstraßen nicht gepflastert waren, entstanden durch den herrschenden Verkehr derartige Vertiefungen, dass Fußgängern ein Überqueren der Straße fast unmöglich war. Um aber dennoch auf die andere Straßenseite gelangen zu können, hatten die Bewohner an verschiedenen Stellen quer über die Straße eine Art von kleinen Erddämmen angelegt. Diese verhinderten nun aber endgültig jeglichen Abfluss, so dass, wie Dahlenkamp schreibt, "aller Ausfluß aus den Häusern, Kloaken und Ställen in den Höfen oder Straßen stehen bleibt und einen unaufhörlichen Gestank erweckt“. In einem späteren ergänzenden Bericht erklärt Dahlenkamp unter Bezugnahme auf diese besonders in den Bereich "unter dem Berge“ herrschenden Zustände, dass dieses Gebiet die "Pflanzschule“ der Ruhr und der "hitzigen Fieber“ für die Stadt bleiben werde, wenn man nicht bald Abhilfe schaffe.16 Wie die weiteren Ausführungen Dahlenkamps zu den Entstehungsursachen der Ruhr-Epidemie in Hagen bezeugen, war er ein Anhänger der Miasma-Lehre. Nach seiner Ansicht hatten die durch Gärung und Fäulnis von pflanzlicher und tierischer Materie wie auch in stehenden Pfützen und Sümpfen erzeugten und durch den Wind verbreiteten "bösen Dünste“ und "Luftfäulen“ die Seuche hervorgerufen. Die Seuchen-Plage in der Stadt Hagen werde aber, so erklärte er zum Schluss prophetisch, nicht eher aufhören, bis die "Sümpfe“ trocken gelegt und die Straßen gepflastert seien.

Doch noch zwei Jahrzehnte sollten vergehen, bis 1816, ein Jahr vor Dahlenkamps Tod, die erste Straße in Hagen, eine Haupt-Durchgangsstraße, die damalige Iserlohner Straße (heute: Märkischer Ring) gepflastert wurde.17 Aber noch bis 1877 gab es in Hagen lediglich eine einzige weitere gepflasterte Straße, nämlich die schmale und kurze Kampstraße.18 Die Einrichtung einer zentralen Trinkwasserversorgung durch den Bau eines Wasser-Hochreservoirs und die Verlegung des Rohrnetzes erfolgte in Hagen 1885/1886.19 Mit der Schaffung einer Kanalisation begann man in Hagen schließlich im Jahre 1903.20

Anlagen

1) Verfügung vom 15. Dezember 1795 der Kriegs- und Domänenkammer in Hamm an den Kriegs- und Steuerrat Eversmann in Hagen – Stadtarchiv Hagen, Akte Ha 1 Nr. 18 Bl. 45

"Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm König von Preussen etc.
Unsern gnädigen Gruß zuvor, Hochgelahrter Rath, Lieber Getreuer! Um denen mit Epidemischen Krankheiten befallenen dürftigen Personen in der Stadt Hagen eine Unterstützung zu verschaffen, werdet Ihr auf Euren Bericht vom 9ten d: hiemit angewiesen, nur Fünf Hundert Pfund Graupen, und eben so viel Haber-Grütze anzuschaffen, solche nach dem Grade der Nothwendigkeit vertheilen, und allenfalls 1/3tel der Ankaufs-Kosten, bey Uberlaßung schwinden zu lassen. Sollte dieses den Armen jedoch noch zu schwer zu bezahlen werden, so habt Ihr ihnen den Bedarf umsonst reichen zu lassen, und davon in der Folge eine Nachweise einzureichen; Inzwischen nicht zu unterlassen nach Anleitung der Euch vorhin zugegangenen Directorial-Verordnung, die Listen von den fernerweit krank gewordenen und daran gestorbenen, oder wieder Genesenen von 14 zu 14 Tagen einzureichen. Sind Euch mit Gnaden gewogen.

Gegeben Hamm in Unserer Krieges- und Domainen-Kammer den 15t. Dec: 1795.
Anstatt und wegen Allerhöchsgndter. Sr. Königl. Maj.

2) Schreiben vom 20. Mai 1796 des lutherischen Ortspfarrers in Hagen, Johann Friedrich Dahlenkamp, an den für Hagen zuständigen Kriegs- und Steuerrat Eversmann – Stadtarchiv Hagen, Akte Ha 1 Nr. 18 Bl. 77

"Wohlgebohrner,
Besonders Hochzuehrender Herr Kriegsrath!
Meine Furcht daß die Gegend unter dem Berge für uns die Pflanzschule der hitzigen Fieber und der rothen Rhur bleiben werde, wenn man nicht Anstalt dagegen macht, wird dadurch erhalten, dass das Faulfieber daselbst wieder anfängt heftig zu wüten und ganze Haushaltungen sich wieder legen. Der kommenden heissen Jahrszeit sehe ich, der rothen Rhur wegen, mit Verlegenheit entgegen. Ich habe daher Ew. Wohlgebohren ersuchen wollen den hiesigen Magistrat zu ermuntern der Verordnung der Hochlöblichen Kammer gemäß das Ausfüllen der Erniedrigungen und die Ableitung der stehenden Sümpfe schleunigst zu bewirken, um zu versuchen, ob nicht dadurch diese Gegend gesunder gemacht werden könne.

Hagen den 20sten May 1796.

Dahlenkamp

Anmerkungen

1) Hierzu Teske, Gunnar: Bürger, Bauern, Söldner und Gesandte. Der Dreissigjährige Krieg und der Westfälische Frieden in Westfalen, Münster 1997, S. 123ff; Zur Nieden, Heinrich W.: Die Kirche zu Hagen. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte der Grafschaft Mark, Gütersloh 1904, S. 65.
2) Zahlen nach einer Bittschrift v. 22.3.1645 der Ritterbürtigen und Vorsteher des Gerichts Hagen - (Teil-)Druck: Ein Steuerstreit im damaligen Amt Wetter am Ende des Dreißigjährigen Krieges, hg. u. bearb. v. Otto Schnettler. Hattingen 1932, S. 15. Zur Pestepidemie in der Gft. Limburg s. Marra, Stephanie: Tod auf der Kirchmeß. Präsenz und Renitenz militärischer Truppen in der Grafschaft Limburg 1633-1636. In: Thier, Dietrich (Hg.): Das Amt Wetter im Dreißigjährigen Krieg, Wetter 1998, S. 135-146, hier S. 145.
3) Zur Beschreibung der "Ruhr" und zum Krankheitsbild s. Ärzte-Informationen des Robert Koch-Instituts, Berlin. Die folgende Darstellung stützt sich hauptsächlich auf Winkle, Stefan: Kulturgeschichte der Seuchen. Düsseldorf-Zürich 1997, bes. S. 339ff. Zum Thema s. auch Riha, Ortrun (Hg.): Seuchen in der Geschichte 1348 - 1998. 650 Jahre nach dem schwarzen Tod. Referate einer interdisziplinären Ringvorlesung im Sommersemester 1998 an der Universität Leipzig, Aachen 1999 und Wilderotter, Hans (Hg.): Das große Sterben : Seuchen machen Geschichte, Berlin 1995 [Katalog zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, 8.12.1995-10.3.1996].
4) Zu den Cholera-Epidemien s. Evens, Richard J.: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 - 1910, Reinbek 1996.
5) Bericht v. 30.10.1795 des für Hagen zuständigen Kriegs- und Steuerrats Eversmann an die Kriegs- und Domänenkammer (KuDK) in Hamm sowie Bericht o. D. (Januar 1796) des lutherischen Ortspfarrers in Hagen, J. F. Dahlenkamp, an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
6) Angaben lt. Bericht v. 12.10.1795 von J. F. Dahlenkamp an Eversmann und Bericht v. 21.10.1795 des Land-Physikus Prof. Hoffmann an die KuDK in Hamm; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
7) Bericht o. D. (Jan. 1795) von J. F. Dahlenkamp an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18. Mit dem "Faulfieber“ ist, sofern es sich doch nicht um die Ruhr handelt, der Abdominal-(Unterleibs-)Typhus gemeint. Ruhr und Typhus traten früher oft gemeinsam auf und auch ihre Symptome sind z. T. identisch. Allerdings ist der Typhus, der heute noch oft für eine infektiöse Darmkrankheit gehalten wird, in Wirklichkeit eine übertragbare, septikämische Allgemeininfektion mit allerdings besonderer Auswirkung auf den Darm.
8) Angaben nach einer amtlichen Aufstellung o. D.; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
9) Angaben nach dem Bericht vom 12.10.1795 v. J. F. Dahlenkamp an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18. Dennoch hielt es das Ministerium für "gut“, die in der Stadt vorhandenen "Pfützen“ abzuleiten.
10) Lt. Verfügung v. 15.9.1795 des Ministeriums in Berlin an die KuDK in Hamm; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
11) Verfügung v. 15.12.1795 der KuDK Hamm an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
12) Bericht v. 21.10.1795 von Prof. Hoffmann an die KuDK Hamm; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
13) Diese Beobachtung bzw. Feststellung trifft sachlich durchaus zu, da ein geschwächter Körper weniger Abwehrkräfte besitzt und daher eher krankheitsanfällig ist.
14) Dahinter steht die noch bis weit in das 19. Jahrhundert in der Medizin vertretene, aus der Antike stammende Lehre von den im menschlichen Körper vorhandenen vier Säften Blut (sanguinis), Schleim (phlegma), rote Galle (cholera) und schwarze Galle (melancholia). Nach dieser Lehre wurde Krankheit durch ein die "gesunde“ Mischung (temperamentum) der Körpersäfte störendes Übergewicht oder Verderbnis eines der Körpersäfte verursacht.
15) Bericht v. 12.10.1795; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18. Aus diesem Bericht auch die nachfolgenden Zitate.
16) Bericht v. 20.5.1796 an Eversmann; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 18.
17) Holz, Walter K. B.: Ein Jahrtausend Raum Hagen, Hagen 1947, S. 219.
18) Wrietzner, L. : Aus Hagens vergangenen Tagen. Erinnerungs-Skizzen. Hagen 1912, S. 21.
19) Ebd., S. 63.
20) Angabe nach "Canalisation der Stadt Hagen in Westfalen - Erläuterungsbericht“, erstellt vom Städtischen Tiefbauamt, Mai 1903; StadtA Hagen Akte Ha 1 Nr. 6302.


Autorin:
Dr. phil. Margrit Sollbach-Papeler <sollbach@dx1.hrz.uni-dortmund.de>
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URL: http://www.historisches-centrum.de/einblicke/02/200207.html
Version vom: 1.9.2002
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